Beobachten oder fühlen?

Heute möchte ich noch einmal an die beiden vorigen Newsletter anschließen, in denen es um die Kraft der Gefühle ging.

 

Immer wieder merke ich, dass viele Menschen ein Problem damit haben, ihre Gefühle zu fühlen. Manche haben es sich schlicht und einfach im Laufe ihres Leben immer mehr abtrai-niert, bis sie fast vergessen haben, wie es ist, Gefühle einfach zu fühlen.

 

Das hat unterschiedliche Gründe, die aber meist damit zu tun haben, dass ein bestimmtes Gefühl oder auch mehrere Gefühle für einen gewissen Zeitraum sehr belastend waren. Dann tren-nen wir diesen Schmerz, den wir nicht mehr ertragen können von unserer Gefühlswelt ab. Das bringt im ersten Moment

Erleichterung, verleiht dem verdrängten Gefühl aber auch Macht über uns.

 

Solange wir nicht bereit sind es zu fühlen, sind wir gezwun-gen ihm auszuweichen oder es loszuwerden. Entweder wir unterdrücken es mit unserer bevorzugten Methode (essen, rauchen, fernsehen oder andere Ablenkungen) oder lassen es an jemand anderen aus.

 

Erst wenn wir bereit sind, das Gefühl zu fühlen, können wir uns mit seiner Kraft verbinden und es konstruktiv nutzen.

ch habe die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen der Unterschied zwischen ein Gefühl zu beobachten und es zu fühlen nicht klar ist. Sich mit der Kraft eines Gefühls zu ver-binden, ist aber nur dann möglich, wenn dieses Gefühl wirklich gefühlt und nicht nur beobachtet wird.


Was ist der Unterschied zwischen beobachten und fühlen?


Ein sehr großer. Es ist, wie selbst mit der Achterbahn zu fahren oder unten zu stehen und zuzuschauen.

Entweder du bist mitten drin und erlebst und erfährst mit deinem Körper wie es ist, über die steile Rampe hinunter in das gefühlte Nichts zu fallen und wie du in der Kurve in den Sitz gedrückt wirst. Du spürst deinen Herzschlag und die leichte Übelkeit im Magen und gleichzeitig euphorische Freude, wenn dir der Fahrtwind ins Gesicht weht. Du bist da und fühlst, spürst und erlebst.

Oder du stehst unten und schaust der Fahrt zu. Dann kannst du dir ungefähr vorstellen, wie es sein könnte und kannst natürlich auch darüber erzählen, wie viele Kurven die Bahn hat, wie steil die Rampe ist etc., und doch wirst du nie wissen, wie es wirklich ist. Du hast es nie gefühlt und erlebt.

Genauso ist es mit unseren Gefühlen.Ein Gefühl beobachten heißt, dass wir unsere Aufmerksamkeit in Form von Worten oder Gedanken auf eine Empfindung richten. Beim Beobachten liegt der Fokus unserer Aufmerksamkeit auf der Information, die die Empfindung uns liefern. Beobachten ist daher ein Vorgang, der sich auf der mentalen Ebene abspielt - zwischen dir und dem Gefühl ist eine Distanz. Du nimmst "dich selbst" eher in deinem Kopf wahr und schaust auf die Empfindung irgendwo in deinem Körper. Du denkst darüber nach, was wohl diese Empfindung ausgelöst hat und erkennst womöglich Zusammenhänge mit vergangenen Situationen, vielleicht aus deiner Kindheit.

 

Das Beobachten der Gefühle an sich ist nicht schlecht und kann uns wertvolle Informationen liefern, die uns helfen können, uns selbst besser zu verstehen. Auch erkennen wir unsere bevor-zugten Ablenkungsstrategien, mit welchen Mitteln wir ver-suchen das Gefühl zu vermeiden. Beobachten ist aber nicht fühlen und deshalb haben wir von der mentalen Beobach-tungsebene keinen Zugriff auf die emotionale Gefühlsebene. Durch Beobachten können wir ein Gefühl nicht entladen und transformieren, denn die emotionalen Mechanismen laufen auf einer anderen Ebene ab.

Fühlen hingegen ist die direkte Zuwendung zu der Empfin-dung ohne Gedanken oder Worte. Fühlen ist fühlen, spüren, wahrnehmen, "die Empfindung sein". Da ist keine Distanz mehr zwischen dir und der Empfindung, du bist mittendrin und nicht im Kopf.

 

Für mich ist der schnellste Weg ins Fühlen zu kommen, in die Empfindung hineinzuatmen. Du atmest dich mit ein paar tiefen Atemzügen in die Stelle, den Körperteil, wo sich die Em-pfindung zeigt. Deine gesamte Aufmerksamkeit ist an dieser Stelle und - ganz wichtig! - du denkst nicht dabei. Dann fühlst du, und du weißt, dass du fühlst, einfach weil du fühlst. Es gibt von Natur aus einen gewissen Widerstand, vor allem die soge-nannten negativen Gefühle zu fühlen. Tiefes Atmen überwindet diesen Widerstand und erschließt dir den Weg ins Fühlen. Fühlst du das Gefühl, merkst du sehr schnell, dass es gar nicht so schlimm ist, das Gefühl zu fühlen. Das Einzige, das wirklich sehr unangenehm sein kann, ist der Widerstand gegen das Fühlen. Da kann sich enormer Druck aufbauen, der kaum auszuhalten ist. Das ist aber der Widerstand und nicht das Gefühl! Atmen und sich in das Gefühl hinein entspannen ist die Lösung. Und wie bei allem: Übung macht den Meister :-).

Fühlen kann, wie andere Fertigkeiten auch, in einer regel-mäßigen Praxis geübt werden. Du kannst dafür bewusst ein paar Mal täglich innehalten und nach Innen spüren.

 

Anfangs ist es vielleicht hilfreich, dabei ungestört zu sein und die Augen zu schließen. Du kannst dich innerlich fragen: "Was geht in diesem Augenblick in mir vor?", und dann sei still und fühle deinen Körper. Du wirst sehr bald feine Unterschiede wahrnehmen, wie z.B. dass manche Körperbereiche wärmer oder kälter sind als andere. Vielleicht steigt auch eine Emotion auf, die gefühlt werden möchte. Dann sei einfach mit deiner Aufmerksam dort, ohne sie zu analysieren. Fühle sie, sei mit ihr und atme, das ist ganz wichtig. Wir neigen dazu, den Atem an-zuhalten, wenn wir etwas Unangenhemes fühlen, aber gerade
das tiefe, regelmäßige Atmen bringt die Energie wieder in Fluss.

 

So kannst du beginnen, und schon bald wird es leicht für dich sein, jederzeit im Bruchteil einer Sekunde von der Mental- auf die Emotionalebene zu wechseln und deine Gefühle wirklich zu fühlen.

Zum Schluss noch eine 10-Sekunden-Körperübung, die dich jederzeit zurück in deinen Körper und so auch ins Fühlen bringt, wenn du wieder einmal gedanklich abgedriftet bist oder Stress hast:


Spüre deine Füße, gehe mit deiner ganzen Aufmerksamkeit zu deinen Füßen. Du wirst merken, wie du sofort wieder "in deinen
Körper gezogen" wirst. Und dann spüre deine Hände. Erlaube, dass sich diese bewusste Aufmerksamkeit in deinem ganzen Körper ausbreitet und spüre dich von innen. Jetzt bist du wieder ganz da, in deiner Mitte, und kannst zentriert den nächsten Schritt gehen.

 

Ich wünsche dir viele gefühlvoll-entspannte Momente!

Du willst dich sicher und geführt deinen Emotionen annähern oder lernen, wie du blitzschnell zwischen allgemeiner und fokussierter Wahrnehmung wechseln kannst? Ich bin gerne für dich da, wenn du Unterstützung brauchst.