Herbstblau

In den letzten Augusttagen ist sie mir aufgefallen, die Veränderung. Der Himmel zeigt sich in intensivem Herbstblau, die Tage sind nicht mehr ganz so lang und am Morgen ist es schon kühl. Langsam klingt der Sommer aus, auch wenn es ab der Mittagszeit wieder schön warm ist.

 

Ich spüre diese leise Melancholie in mir, die ich jedes Jahr fühle, wenn der Sommer zu Ende geht. Früher mochte ich das nicht, aber heute genieße ich es, dieses Gefühl tief in mir zu fühlen und mit ihm zu sein. Bei genauerem Hinspüren fühle ich die Vielschichtigkeit. Da ist eine leise Trauer um die langen, warmen Sommertage und die schönen Stunden am See. Ein Festhalten-wollen von dem, was ist und ein Widerstand dagegen, mit dem Fluss des Lebens einfach weiterzufließen, so wie alles in der Natur sich vollkommen natürlich in Ruhe und Ordnung mit den Jahreszeiten wandelt. 

Woher kommt dieser Widerstand?


Ich glaube, dass wir Menschen eine gewisse Abneigung gegen Veränderungen haben, die der Natur und auch den Tieren fremd ist. Tiere leben ganz im Hier und Jetzt und überlegen nicht, ob das eine besser ist als das andere. Sie passen sich den natürlichen Gegebenheiten an und machen das Beste daraus. Sie leben vollkommen im Einklang mit der Natur und lassen sich intuitiv durch den Wechsel der Jahreszeiten führen. Ein Eichhörnchen "weiß" nicht, dass der Herbst kommt. Es fühlt aber offensichtlich zur richtigen Zeit den Impuls, Nüsse zu
sammeln und einen Vorrat für den Winter anzulegen. Die Zugvögel, die ich jedes Jahr am Neusiedler See beobachte, bekommen jedes Jahr fast zur gleichen Zeit den Impuls, ihre Reise in die weit entfernten Winterquartiere anzutreten.

 

Ich bin sicher, dass auch wir vom Leben geführt werden, nur haben wir verlernt, innere Impulse wahrzunehmen und ihnen nachzugehen. Das ist natürlich auch nicht so leicht, wenn das ganze Leben vorgeplant ist und nach einem bestimmten Schema abläuft. 

Dadurch, dass wir die Fähigkeit haben, an die Vergangenheit und die Zukunft zu denken, ersticken wir die Impulse des Lebens oft schon im Keim. Wir haben Angst "Fehler" zu machen oder fürchten uns einfach davor etwas Neues auszuprobieren.

 

Natürlich ist es gut, aus den Ereignissen der Vergangenheit zu lernen und undienliche Verhaltensweisen nicht ständig zu wiederholen. Genau hier liegt aber auch die Gefahr, dass wir vor lauter "Fehler vermeiden" geistig (und später auch körperlich, denn die Materie folgt dem Geist) fast gänzlich unbeweglich werden und unser ganzes Leben zu einer Abfolge von Routinetätigkeiten verkommt. Die Impulse des Lebens werden dann gar nicht mehr wahrgenommen, weil alles in so engen, eingefahren Bahnen verläuft.

 

Ein bisschen Routine ist gut und bietet ein Gefühl von Stabilität. Dazwischen aber immer wieder etwas Neues einfließen zu lassen, das gibt dem Leben Schwung und bring frischen Wind in den Alltag. 

Der beginnende Herbst ist für mich auch eine Zeit der Innenschau und des Aussortierens dessen, was für mich noch stimmig ist und was nicht.

Gerade in diesem Jahr habe ich schon einige Konzepte und Ideen, die einfach nicht mehr gepasst haben, losgelassen und mir selbst erlaubt, neuen Impulsen zu folgen.

 

Vor 10 Jahren und noch weiter davor, war es ganz "normal", weit voraus in die Zukunft zu planen. Der nächste Sommerurlaub wurde schon im Winter gebucht und mein Visionboard war voll mit Zielen für die nächsten 5 Jahre und darüber hinaus.

 

Also, für mich ist so etwas überhaupt nicht mehr stimmig. Die neue Zeit lädt uns ein, wieder mehr auf die inneren Impulse, die Intuition, zu hören, ganz im Hier und Jetzt zu leben und das zu tun, was sich JETZT stimmig anfühlt. Wenn du dein Herz fragst, was dein nächster Schritt ist, wird sich etwas zeigen. Der Führung des Lebens wieder mehr zu vertrauen, das ist meiner Ansicht nach die große Herausforderung. Einfach den nächsten Schritt gehen, auch wenn der weitere Weg noch nicht sichtbar ist.

Und da sind wir wieder beim Einstiegsthema: Warum fällt das Loslassen manchmal so schwer?

 

Da unser inneres Festhalten aus der Angst heraus geschieht, können wir immer erst dann Loslassen, wenn wir vertrauen. Loslassen ist eine natürliche Reaktion auf das Gefühl von Sicherheit. Das können wir aber im Außen nicht finden, und das ist auch die Schwierigkeit beim Loslassen. Das ganze Leben, die äußere Realität, ist ständiger Wandel. Erst wenn wir bereit sind, uns damit anzufreunden und Veränderung willkommen heißen zu können, anstatt sie zu bekämpfen, hören wir auf darunter zu leiden.

 

Das ist, wie vieles andere auch, ein Perspektivenwechsel, der wahrscheinlich nicht über Nacht kommen wird. Wir können uns nur langsam herantasten und die Gefühle, die eine Veränderung mit sich bringt, annehmen und mit ihnen sein. Wir dürfen lernen, Melancholie, Schwermut, Traurigkeit oder Angst als natürliche Bestandteile des Lebens, des gegenwärtigen Moments, zu akzeptieren und mit ihnen zu sein.

 

Wenn wir immer wieder etwas loslassen (Pläne, Ziele, Kleidungsstücke, Menschen - die nicht mehr zu uns passen, Vorstellungen - wie das Leben sein soll), kann auch das Loslassen selbst eine heilsame Routine werden. Wir üben immer wieder mal mit Kleinigkeiten, spüren die Gefühle, die damit verbunden sind und lernen mit ihnen zu sein. Dann wird es auch leichter sein loszulassen, wenn das Leben uns eine größere Veränderung bringt. 

Durch das regelmäßige Loslassen von kleinen Dingen entwickeln wir eine innere Sicherheit, dass das Leben auch nach dem "Verlust" weitergehen wird.

 

Du kannst dich sicher daran erinnern, wie du dich gefühlt hast, als deine erste Liebesbeziehung zerbrach. Ich glaubte damals, das ist das Ende und dass ich nie wieder glücklich sein werde. Das Leben ging aber weiter und beim nächsten Mal tat es wieder weh, da war aber auch schon das Vertrauen, dass es weitergehen und wieder besser werden wird.

 

Genauso ist es beim Loslassen. Wenn du das Loslassen übst, wird das Leiden immer weniger, weil du nicht mehr so sehr an Dingen anhaftest. Du kannst dann Pläne machen, bist aber
nicht so sehr enttäuscht, wenn es mal anders kommt. Du wagst es, dein Herz zu öffnen und zu lieben, auch wenn es schief gehen könnte. Irgendwann vertraust du darauf, dass das Leben dir immer das "Richtige" bringt und das ist dann das Ende des Leidens. Dieses Vertrauen ist das Gefühl von Sicherheit, das es dir ermöglicht, leichter loszulassen - und das kannst du nur in dir selbst entwickeln. Es ist unabhängig von den Veränderungen im Außen und ermöglicht dir, leicht und frei mit dem Leben zu fließen. 

Die neue Zeit, und ganz besonders dieses Jahr, laden uns ein, tief in unser Inneres zu schauen und alles, was nicht mehr stimmig ist, loszulassen. Das Leben führt uns zu unseren tiefsten Schichten, zu altem Schmerz, an dem wir immer noch festhalten, meistens unbewusst. Die Herausforderung ist dann, damit zu sein, alles zu fühlen, damit Heilung geschehen kann. Wenn du dabei Hilfe brauchst, bin ich gerne für dich da!